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1982年3月12日
Zeitmagazin
Coverstory
Peter Sager
Der Schocker von Wien
Sie sind doch kein Sadist, Herr Helnwein, fragen Leute schockiert, wenn sie die weitverbreiteten Bilder des Wiener Künstlers sehen, etwa hier sein Selbstbildnis: Gottfried Helnwein, Portrait eines erfolgreichen Malers. (Seite 30)
Gottfried Helnwein, Sohn eines Postbeamten, Ministrant, Klosterschüler, Meisterschüler Rudolf Hausners: Warum malt einer so? Warum malträtiert er sich so in seinem Selbstportrait (siehe Titelblatt): den Kopf bandagiert, Wundhaken in die Augen gebohrt, den Mund weit aufgerissen zu einem wahmnsinnigen Schrei? Ein Schrei des Schmerzes und des Schocks, der Angst, des Entsetzens, der Aufschrei eines Gequälten und Geblendeten. Es ist das Echo jener Schreie überall auf der Welt, die weit schrecklicher sind als dieser Schrei der Kunst. "Einer erstellt die summe seiner beobachtungen in dieser welt der patzer und dämonen", schreibt H.C.Artmann über Helnwein, "er vernimmt die schreie aus den gekachelten schreckträumen einer satten gesellschaft..."
Er war berüchtigt als Wiener Schock- und Blut-Maler, jetzt ist er international berühmt als Maler - und noch immer brüskiert er mit seinen unverkennbaren Bildern. Die ihn ablehnen, werfen ihm Sadismus und Sensationsmache vor, seine Fans aber Schwärmen: "Das ist Malerei für die Ewigkeit!" In seinem Wiener Atelier arbeitet Gottfried Helnwein für Magazine und Bücher. Setzt er sich oder dem Betrachter Hörner auf?
Das verletzte Kind und der Mann im Zwielicht, eine Illustration zu dem von Faßbinder verfilmten Roman "Die Ehe der Maria Braun": Immer sind es die schrecklichen und die magischen Momente, die den Maler Helnwein interessieren. Seine emotionsgeladenen Bilder, provozierend, oft abstoßend, zeugen von der eigenen und unser aller Verletzlichkeit und Angst. Für seine Hyperrealistischen Aquarelle macht Helnwein Serien von Ausdrucksstudien mit Modellen und oft bis zu 3000 Fotos.
Gottfried Helnwein ist ein sanfter Mensch. Einer jener jungen Väter, von denen Schwiegermütter heute träumen. Zärtlich zu Cyril und Mercedes, seinen Kindern, selbst wenn sie sein Atelier zum Abenteuerspielplatz machen. Höflich zu Gästen.
Schlank, eher schmächtig, bleich, die Augen leicht gerötet von zuviel Heim- und Feinarbeit, ein Mann von Disziplin. Wenige, weiße Möbel, blanker Parkett-fußboden, ein paar Palmenkübel. Alles sehr cool und clean, als wirke das Schild im Treppenhaus bis hinauf in die dritte Etage seiner Wiener Altbauwohnung: "Um größte Reinlichkeit wird ersucht."
Auf einem Rolltisch säuberlich geordnet Farbtuben, feinste Marderpinsel, Bleistifte aller Härtegrade. Ein normales Atelier, läge da nicht noch Operationsbesteck anderer Art: chirurgische Zangen und Lanzetten, chromblitzende Sonden, Wundhaken und Skalpelle.
Jetzt fällt dem Besucher wieder alles ein, die Schlagzeilen der Wiener "Presse" und der "Kronen-Zeitung": Helnwein, der "Blut- und Narben-Maler", der "Grusel-spezialist", ein "Boris Karloff des Pinsels". So sanft und sachlich wie ein Beerdigungsunternehmer die Vorzüge seiner Särge erläutert, zeigt Helnwein nun dem Gast seine Horror Picture Show.
Da sind die zarten Kinder mit den bandagierten Köpfen, der höhnisch lächelnde Arzt und der Bürokrat, der jedem mit dem Aktenordner erledigt. Da ist die vergewaltigte Frau im zerrissenen Kleid und der Sadist im Kaffeehaus mit dem blanken Messer in der Hand, Titel: "Guten Morgen, Du Sau!" Alltäglicher Schrecken, Alpträume eines Realisten.
Mit klinischer Präzision strichelt Helnwein Narben und Falten, mit masochistischer Ausdauer aquarelliert er zerschundene Hautpartien, spritzt Schattenstellen mit der Luftpistole, schabt mit der Rasierklinge drüber und ist erst zufrieden, wenn alles so effektvoll ausgeleuchtet ist, wie das die Standfotografens Hollywoods in den dreißiger Jahren taten.
Äußerste Emotion und kälteste Sachlichkeit, psychisches Kalkül und technische Perfektion: Mit dieser raffinierten Mischung ist Helnwein zu einem der gefragtesten internationalen Künstler geworden.
Schon sein erstes Bild auf einem Zeitschriften-Cover, 1973, war ein Erfolg und ein Skandal.
Für eine Titelgeschichte der österreichischen Zeitschrift "Profil" zum Thema Selbstmord malte Helnwein ein Kind, das sich mit einer Rasierklinge die Pulsadern aufschneidet. Noch heftiger entrüsteten sich die Leser wenig später über sein Titelbild zum Thema "Vorschulerziehung: Läßt sich Intelligenz manipulieren?" - ein von Erwachsenenhänden zusammengedrücktes Kindergesicht.
"Affront des guten Geschmacks", "brutale Schmutzereien", "Beleidigung des Menschenantlitzes schlechthin" - solche Leserproteste machten Profil-Chef Oscar Bronner ziemlich ratlos: "Wir haben im Laufe der Zeit die wildesten Skandale dieses Landes penibel beschrieben, keiner dieser Berichte löste auch nur annähernd so eine Reaktion aus".
Helnweins Bilder treffen uns an der empfindlichsten Stelle, direkt unter dem Gürtel der Logik: "Ich möchte das Unterbewußtsein dort anbohren wo man sonst nicht hinkommt." Das gelang ihm immer wieder und immer besser, am überracheschendsten für ihn selbst bei einer Ausstellung im Wiener Pressehaus. Da weigerten sich die scheinbar so abgebrühnten, täglich an eine Fülle schockierender Fotos gewöhnten Journalisten und Drucker, durchs Foyer zu gehen, solange Helnweins Bilder dort hingen. Am dritten Tag wurden sie abgehängt.
Natürlich sind viele seiner Bilder eine Zumutung. Sie konfrontieren uns mit Deformationen, fremden und eigenen, mit Ängsten und Aggressionen, die wir allzu gerne verdrängen. Auf die Inflation der fotografischen Schocks in den Medien antwortet der Maler mit realistisch inszenierten, aber fiktiven Schreckbildern. Helnweins Dokumentarfiktionen irritieren, weil wir sie meist nicht kausal erklären, eindeutig motivieren oder moralisch begründen können. Dieses irrationale Element beunruhigt besonders den Verstandesmenschen.
Welche Verdrängungsmechanismen man mit Bildern unterlaufen kann, welche Reaktionen Helnwein provozieren konnte, hatte er schon früh gemerkt: "Man erfuhr nichts über die Hitlerzeit, alle waren verlegen, die Eltern, die Lehrer. Da wollte ich ein Stück aus dieser Zeit einfack rekonstruieren und mal sehen, was passiert. Ich malte einen Super-Hitler in einem Rahmen der dreißiger Jahre."
Abgesehen davon, daß ihn ein empörter Bürger umbringen wollte, war Helnweins Hitler ein Erfolg: " Sämtliche Neo-Nazis von Wien sind damals bei mir aufgetaucht, einer rief ganz verzückt: 'Der Führa, der Führa!' Das Bild hat jetzt ein Sammler hinter einem braunen Vorhang; wenn man den wegzieht, geht das Licht an, und Hitler ist beleuchtet."
Daß aus dem Testbild ein Kultbild wurde, dieses Mißverständnis amüsiert ihn eher ("ich bin da ganz neutral"). Mit solcher fast schon zynischen Objektivität entwarf Helnwein das Titelbild für eine "Spiegel"-Story über Vergewaltigung. Das perfekte Verbrechen als perfide Augenweide, dieses Covergirl ging nicht nur vielen Frauen zu weit: "Beim Anblick des saftigen Busens", protestierte eine Leserin, "läuft doch jedem Möchtegern-Vergewaltiger das Wasser im Munde zusammen!"
Die Virtuosität, mit der Helnwein Reize auslöst, und die Raffinesse, mit der er Emotionen steuert; die Ambivalenz seiner Motive, ihre Verwertbarkeit in unterschiedlichen Zusammenhängen; seine ebenso vordergründige wie abgründige Detailgenauigkeit: das alles macht ihn zum begehrten, wiewohl unberechenbaren Partner der illustrierten Medien.
Solche Verirrungen des guten Geschmacks, Helnweins fortgesetzten Drang zum Trivialen können sich seine Freunde nur dadurch erklären, dass er als Kind zuviel Mickeymaus-Hefte konsumiert hat. "Absolute Kunstwerke", schwärmt Helnwein noch heute, "die Texte find ich mindestens so gut wie das, was der Thomas Bernhard macht, eigentlich sogar besser. Der einzige Lehrer, von dem ich was gelernt hab, war Donald Duck.
Er nennt sich "der schnellste Aquarellmaler der Welt"
Vorbilder? Für Museumsbesuche hatte er früher keine Lust und heute keine Zeit. Außer Walt Disney imponiert ihn nur einer: Norman Rockwell. Seine farbigen Zeichnungen schmückten jahrzehntelang die titelbilder der "Saturday Evening Post". Er war eine Amerikanische Institution. Auch Rockwell, Detailfetischist wie Helnwein, arrangierte lebende Bilder mit Modellen und echten Requisiten. George Grosz bewunderte seine Technik, das Publikum liebte ihn. Möchte Helnwein etwa Europas Norman Rockwell werden?
Doch dafür fehlt dem Wiener so gänzlich die Reader's-Digest-Mentalität, der Wille zur heilen Welt. Helnwein ist nicht idyllisch, sondern subversiv, seine Bilder sind Sarkastisch, nicht humoristisch. Er versöhnt sein Publikum nicht, er verstört es.
Zum Beispiel mit seinem Bild "Der Eingriff": ein angeschnalltes Mädchen, dem eine Metallstange in den Mund geschoben wird, ähnlich einem Narkosetubus. Darüber war ein Berliner Kaufmann so schockiert, daß er den Maler in Wien aufsuchte: "Sie sind doch kein Sadist Herr Helnwein?" - "Naa." - "Dann haben Sie doch sicher eine schreckliche Kindheit gehabt?" - "Naa, durchschnittlich fad." - "Aber warum machen Sie so was? Sie haben so ein Talent, Sie könnten so schöne Sachen malen!"
Gottfried Helnwein, Sohn eines Postbeamten, Ministrant, Klosterschüler, Meisterschüler Rudolf Hausners: Warum malt einer so? Warum malträtiert er sich so in seinem Selbstporträt: den Kopf bandagiert, Wundhaken in die Augen gebohrt, den Mund weit aufgerissen zu einem wahnsinnigen Schrei? Ein Schrei des Schmerzes und des Shocks, der Angst des Entsetzens, der Aufschrei eines Gequälten und Geblendeten. Es ist ein Echo jener Schreie überall auf der Welt, dieser, der Schrei der Kunst. "Einer erstellt die summe seiner beobachtungen in dieser welt der patzer und dämonen", schreibt H. C. Artmann über Helnwein, "er vernimmt die schreie schreckträumen einer satten gesellschaft . . ."
Schnitte mit der Rasierklinge und Wiener Lust am Untergang
In einer Aktion von 1976 hat Helnwein sich mit bandagiertem Kopf in Wien auf die Strasse gelegt -- die meisten schauten weg, "reagiert haben eigentlich nur Kinder und alte Frauen." Das will er auch mit seinen Bildern: die Mauer der Apathie durchbrechen, Reaktionen provozieren, vielleicht sogar Mitlied. Ein Moralist?
Bei Helnwein ist immer auch etwas anderes mit im Spiel: schöne Anarchie, artistische Subversion, eine Wiener Lust am Untergang. Und noch etwas, Selbstverständlich als Form der Verweigerung: "Ich fühlte mich in der Schule immer kontrolliert, unterdrückt, eingesperrt. Da hab ich manchmal eine Rasierklinge genommen und einfach einen Schnitt gemacht."
Helnwein zeigt mir seine Hand, voll mit winzigen Narben. "Das Blut rann runter, ein schönes Rot, und die andern sind vor mir zurückgewichen, das war toll!" So ist es, in gewisser Weise, mit seinem Bildern bis heute geblieben.
Demnächst wird Helnwein selber Schüler haben: Die Hamburger Fachochschule hat ihm eine Professur angeboten. "Von mir", sagt der sanfte Wiener, "ist eine Generation sehr unbequemer Künstler zu erwarten."
(Auszug)
Über Helnwein erschien eine Monographie im Orac-Pietsch Verlag, Wien, 304 Seiten, 84 Mark.
"Zeit Magazin"
1982




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