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2013年5月2日
NEWS
Wien
Susanne Zobl
DER VERSTÖRER
Gottfried Helnwein- Vor der monumentalen Albertina-Schau ab 25 Mai besuchte NEWS den Weltkünstler in L.A.
Das Gefährlichste, was einem Künstler passieren kann, ist: von der bürgerlichen Gesellschaft vollkommen akzeptiert und umarmt zu werden. Es ist die Todesumarmung. Der Anfang vom künstlerischen Ende. Mir geht es darum, dass Menschen meine Bilder sehen. Mir haben immer wieder Leute gesagt, dass sich meine Bilder schon in ihrer frühen Kindheit tief in ihr Gedächtnis eingegraben haben und dass sie eine wesentliche Erfahrung für sie waren. Ich denke, das können nicht viele Künstler von sich sagen. Es ist mir wichtig, dass meine Bilder in Museen sind, aber noch wichtiger ist es mir, dass sie in den Köpfen der Menschen sind.
Der Kunstmarkt überschlägt sich wie nie, produziert in rasendem Tempo Blase um Blase, die alsbald ohne Hinterlassung von Spuren detoniert. Ihn habe das Spiel nie interessiert, sagt der Österreicher Gottfried Helnwein, der ein wahrer Weltstar ist. Seine bestürzenden Kinderporträts – werden bis ins „Forbes Magazine“ zitiert, wenn in den USA wieder Schüler in Massenmassakern sterben. Seine Ausstellungen zwischen Japan und Mexiko verzeichnen stets Besucherrekorde. Am 25. Mai steht ein Höhepunkt dieser außerordentlichen Karriere an: Die Albertina würdigt Helnwein mit der größten Retrospektive seines Lebens. Helnwein lebt heute in Irland und Los Angeles, wo NEWS ihn in seinem riesigen Atelier, einem 100 Jahre alten ehemaligen Bankgebäude, besuchen durfte.


At the studio in downtown Los Angeles
2013


NEWS: Welche Verbindung haben Sie noch zu ihrer alten Heimat Österreich?
Helnwein: Meine Arbeit ist tief in der österreichischen Kunst- und Kulturtradition verwurzelt. Das wird sich nie ändern, egal wo ich hingehe. Wien ist ein Teil meiner Heimat, wie Amerika, das ich im Alter von vier Jahren durch Entenhausen kennenlernte, aber auch Irland, wo ich meine Sommermonate verbringe. Für mich ist Heimat nicht so sehr ein geographischer, als vor allem ein geistiger Ort.
1985 hatte ich eine große Ausstellung in der Albertina, das war genau der Zeitpunkt, als ich von Wien wegging.
NEWS: Dann wäre doch jetzt der ideale Zeitpunkt, mit der Albertina-Ausstellung nach Wien zurückzukehren.
Helnwein: Ich komme gern zurück. Aus der zeitlichen und räumlichen Distanz der letzten Jahre war es mir viel leichter die Qualitäten Wiens zu erkennen und es ist wirklich aufregend, Wien jetzt als Besucher zu erleben. Alles ist neu und ungewohnt und doch zutiefst und schmerzhaft vertraut. In meiner Kindheit und Jugend in den 50er und 60er Jahren war Wien ein grauenhafter Ort.
Thomas Bernhard erzählte mir einmal, dass es ihm ein Vergnügen sei, von Zeit zu Zeit nach Wien zu gehen, um da ein Hassbad zu nehmen.
NEWS: Viele Ihrer Kollegen beklagen sich, dass sie in ihrer Heimat zu wenig anerkannt werden. Ihnen wurde ja auch eine Professur versprochen und dann noch vor Antritt entzogen? Die österreichische Dependance des MAK in Los Angeles hat sich nie um sie bemüht.
Helnwein: Ich bin sehr froh, wenn sich niemand um mich bemüht, meine Freiheit und meine Unabhängigkeit sind mir das wichtigste. In Wien, wie an anderen Orten gibt es immer verschiedene Netzwerke und Klüngel. Das war immer so. Auch in der Zeit, als ich noch da war. Ich war immer ein Außenseiter und mir geht es sehr gut dabei. Ich bin jedem dankbar, der nichts für mich machen will.
NEWS: Wären Sie nicht gern Professor geworden?
Helnwein: Ich habe zwei mal Professuren abgelehnt. Das Gefährlichste, was einem Künstler passieren kann, ist: von der bürgerlichen Gesellschaft vollkommen akzeptiert und umarmt zu werden. Es ist die Todesumarmung. Der Anfang vom künstlerischen Ende. Mir geht es darum, dass Menschen meine Bilder sehen. Mir haben immer wieder Leute gesagt, dass sich meine Bilder schon in ihrer frühen Kindheit tief in ihr Gedächtnis eingegraben haben und dass sie eine wesentliche Erfahrung für sie waren. Ich denke, das können nicht viele Künstler von sich sagen.
Es ist mir wichtig, dass meine Bilder in Museen sind, aber noch wichtiger ist es mir, dass sie in den Köpfen der Menschen sind.
NEWS: Die meisten Ihrer Werke sind ein paar Quadratmeter groß. Malen Sie die alle allein?
Helnwein: Ja. Ich habe ja keine Assistenten, die malen. Ich arbeite immer an mehreren Bildern gleichzeitig und gehe von einem zum anderen. Und manchmal gerate ich in einen Rausch und verliere mich dabei. Das ist dann eine gute Phase.
NEWS: Haben Sie manchmal Angst, dass Sie nicht fertig werden?
Helnwein: Deadlines für Ausstellungen sind sehr wichtig für mich. Immer wenn ich erkenne, dass ich viel zu spät dran bin und meine Arbeit unmöglich fertigkriegen kann, dann erreiche ich einen Paniklevel, der es mir erlaubt stundenlang und hochkonzentriert von Frühmorgens bis lange nah Mitternacht ohne Unterbrechung zu arbeiten. Dabei höre ich meistens Audiobooks. Das ist aber nur in einer späteren Phase der Bilder möglich. Auf diese Weise habe ich mich durch die ganze Weltliteratur gehört. Adalbert Stifter’s „Nachsommer“, der ja heute als unlesbar gilt, ist eines meiner Lieblingsbücher, das ich mehrmals gelesen habe. Es ist der einzige Roman in dem es keine Gegensätze und Konflikte gibt. Ein radikales und revolutionäres Konzept.
NEWS: Und genau der Gegensatz zu Ihren Arbeiten. Sind die heilen Welten im „Nachsommer“ oder in Donald Ducks Entenhausen eine Art Arznei für Sie, damit Sie durch die ständige Beschäftigung mit Gewaltszenarien nicht depressiv werden?
Helnwein: „Gewalt“ und „Unterdrückung“ sind Themen, die mich seit seit meiner frühen Kindheit beschäftigen und mich bis in meine Träume verfolgen. Ich kämpfe mein ganzes Leben gegen meine Dämonen. Kunst ist das einzige Gegenmittel gegen die destruktiven Kräfte und den Wahnsinn dieser Welt. Psychopharmaka als short-cut zu „Happyness“ sind ein vehängnisvoller Irrweg.
NEWS: Haben Sie so etwas jemals konsumiert?
Helnwein: Anfang der 70er Jahre habe ich Drogen und auch LSD genommen und dabei einen Horrortrip erwischt, an dem ich fast verreckt wäre. Es war ein Gang durch die Hölle, der fast 5 Jahre gedauert hat. Ich war zeitweise erblindete und verlor meinen Gleichgewichtssinn. Das einzige, das mir damals kurzfristig half, war Valium, das mich aber abhängig machte. Irgendwann habe ich dann von einem Tag auf den anderen damit aufgehört und seitdem nie wieder irgendwelche Drogen oder Medikamente genommen.
NEWS: Nach den sich mehrenden Massakern in Schulen wird immer wieder über Ihre Bilder geschrieben.
Helnwein: Niemand hat je hinterfragt, warum in Amerika eines Tages Kinder begonnen haben in der Schule andere Kinder mit Maschinenpistolen niederzumähen. Und inzwischen haben wir uns daran gewöhnt. Kinder, die Massenmorde an Kindern begehen, das hat es in der gesamten Geschichte der Menschheit noch niemals gegeben. Das ist neu . Jetzt werden die Waffen dafür verantwortlich gemacht, was natürlich ein Schwachsinn ist, denn Waffen hatt es in Amerika immer im Überfluss gegeben. Niemand wagt es die richtigen Fragen zu stellen. Niemand wagt es das System in Frage zu stellen. Damit beschäftigt sich meine Arbeit. Forbes Magazin hat anlässlich des High School Massakers in Sandy Hook eine Geschichte über meine Arbeit geschrieben mit dem Titel: „The True Impact of Violence on Childhood? Why every American Ought to See the Paintings of Gottfried Helnwein.“
NEWS: Die antiautoritären Erziehungssysteme sind gescheitert. Die Kinder der 68er wurden karrieresüchtige Konservative.
Helnwein: Die kulturelle Revolution der 68er hat tatsächlich etwas verändert, aber der neo-marxistische Versuch der Studentenbewegung das System zu verändern ist gescheitert. Der Kapitalismus hat sich als stärker erwiesen. Und raffinierter. Heute gibt es mehr Superreiche als je zuvor. Und mehr Arme.
NEWS: Das ist doch auch am Kunstmarkt so. Da herrscht das Diktat der Ranglisten.
Helnwein: Diese Listen sind Schwachsinn. Hitparaden sind für Schlagersänger und Volksmusikanten da. In der Kunst sind sie unbrauchbar. Diese Listen zeigen nur, wer es am besten versteht die Anforderungen dieses Marktes zu bedienen. Damien Hirst und Jeff Koons sind Weltmeister in diesem Spiel, sie haben dieses System verstanden und für sich genützt. Ob ihre Kunst halten wird, wird sich zeigen. Die Zeit ist ein objektives und unerbittliches Regulativ. Nach hundert Jahren wird jeder den Platz einnehmen, der ihm zusteht.
NEWS: Wo werden Ihre Werke dann sein?
Helnwein: Darüber mache mir keine Gedanken. Ich habe alle Hände voll damit zu tun, jetzt in der Gegenwart meine Arbeit auf dem richtigen Kurs zu halten und Fortschritte zu machen.
NEWS: Und die Todesstrafe gibt es unter Obama noch immer. Malen Sie konkret gegen diese Zustände in den USA an?
Helnwein: Mein ganzes Werk beschäftigt sich mit dem Thema. Aber ich gehe mit meiner Arbeit nicht auf Tagespolitik ein, das ist die Aufgabe von Karikaturisten und Journalisten. Aber ein poetischer Text, ein Lied oder ein Bild können gefährlicher sein für ein repressives System, als jede Waffe. Peter Handke, der es gewagt hatte, im Höhepunkt der Kriegspropaganda gegen Serbien, in seinen Schrifte seine Liebe zu diesem Land seiner Kultur zu bekunden, wurde zerfleischt.
Grass wurde für sein Gedicht, das sich unter anderem auf die Politik Israels bezog, von allen Seiten attackiert und als Antisemit bezeichnet. Da Israel aber ein real existierender Staat ist, der Politik betreibt, muss man sich auch kritisch darüber äussern dürfen.
Das ist so als würde man jemanden, der Putin kritisiert, als antislavisch bezeichnen.
NEWS: Wundert es sie, dass es so viele Anschläge auf die USA gibt?
Helnwein: Jeder sollte sich einmal fragen, wem diese Anschläge nützen, was sie tatsächlich bewirken. Nach dem Attentat in Boston wurde praktisch über die gesamte Bevölkerung das Kriegsrecht verhängt. Die Strassen waren voll mit schwer bewaffneten, vermummten schwarzen Militär- und Polizeieinheiten, gepanzerten Fahrzeugen und Kampfhubschraubern in der Luft. Alle Häuser wurden ohne richterlichen Durchsuchungsbefehl durchsucht, Grossmütter, Mütter mit Kleinkindern wurden mit vorgehaltener Waffe gezwungen, mit erhobenen Händen ihre Häuser zu verlassen. Kein schönes Bild. Obama führt die Politik der Bush-Regierung konsequent fort. Kürzlich hat er den NDAA-Act (National Defense Athorization Act) unterschrieben, nach dem nun jeder Amerikaner jederzeit, lediglich auf Verdacht, verhaftet und für immer weggesperrt werden darf, inklusive „enhanced Interrogation“ (auf deutsch: Folter). Ohne Anwalt, ohne Beweise, ohne Prozess. Die Menschen werden daran gewöhnt, dass sich das Land in einem permanenten Kriegszustand befindet, der nie enden wird.
NEWS: Brauchen Sie diese Horrorszenarien als Inspiration für Ihre Arbeit?
Helnwein: Das Schlüsselerlebnis für mich waren die Kriegsverbrecherprozesse Ende der Fünfzigerjahre, Anfang der 60er Jahre. Da erfuhr ich das erste mal vom vom Holocaust, und ich begann wie besessen die Grausamkeite der Geschichte zu recherchieren. Wenn wir unsere Vergangenheit vergessen, werden wir ist dazu verdammt sein sie zu wiederholen. Darum habe ich auch meinen Kindern sehr früh davon erzählt. Mein Sohn Amadeus sprach zum Entsetzen der Betreuerinnen bereits im Kindergarten von Konzentrationslagern. Ich denke es ist wichtig, dass unsere Kinder verstehen in welcher Welt sie leben.
NEWS: Das könnten Sie in Wien auch. Hegen Sie noch Groll gegen Wien?
Helnwein: Mein Lulu-Plakat für Peter Zadek’s Inszenierung am Hamburger Schauspielhaus hat 1988 einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Der Vizebürgermeister der Stadt Hamburg, ebenso wie die Frauenbeauftragte der Stadt waren der Meinung dass damit die Freiheit der Kunst eindeutig überschritten war. Eine sogenannte „Bürgerinitiative zum Schutz der Menschenwürde“ erstattete Anzeige gegen Zadek und mich. Die Presse tobte. Und genau in diesem Inferno erhielt ich einen Brief von Helmut Zilk, der damals Bürgermeister von Wien war, mit ungefähr folgendem Inhalt: „Herr Helnwein, ich weiss um Ihr gestörtes Verhältnis zu Ihrer Vaterstadt, aber erlauben Sie Ihrem Bürgermeister, dass er Sie trotzdem für dieses Bild bewundert“. Da ist mir bewusst geworden, was für eine unglaubliche Toleranz Österreich in Bezug auf Bilder und Kunst hat, verglichen mit protestantischen Ländern mit ihrer traditionellen Bilderfeindlichkeit. In Amerika ist es dank der calvinistisch/purtanischen Tradition noch extremer, viele künstlerische Werke und Aktionen, und die Bilder meines Freundes Deix z.B. wären hier undenkbar. In der Calvinistischen Lehre liegt auch der Ursprung des Modernen Superkapitalismus und der Neocons.
Das System kennt nur ein Ziel: maximalen Profit, sonst nichts. Daher fliesst die gesamte Kohle in die gigantische Kriegs- und Überwachungsindustrie. Kunst und Kultur sind für das Regime kein Faktor und der Standard des Schulsystems ist mittlerweile unter das Niveau der meisten Drittenweltländer gefallen. Pasolini hat das „Konsumfaschismus“ genannt.
NEWS: Wie halten Sie es dort dann aus?
Helnwein: Amerika ist ein wunderbares Land mit grossen Qualitäten, dem die Welt viel verdankt. Nicht nur Entenhausen. Ich habe viele Freunde da und meine Enkelkinder sind amerikanische Staatsbürger. Ich habe nicht die Menschen kritisiert, sondern ein System, dass sie und ihre Freiheiten bedroht. Es ist schmerzlich zusehen zu müssen, wie das einst freieste Land der Welt angeschlagen ist und langsam die Knie geht. Es ist wie der zweite Fall Roms. Wenn aber Amerika zusammenbrechen sollte, dann wird auch Europa und der Rest der sogenannten abendländischen Kultur mitgehen. Los Angeles ist auf jeden Fall ein guter Platz um diesen Prozess direkt zu mitzuverfolgen.
NEWS: Sind Sie eigentlich glücklich?
Helnwein: Schwierige Frage. Mein Hauptzustand ist eigentlich Unzufriedenheit. Ich ärgere mich meistens über mich selbst, weil ich meinen eigenen Anforderungen nicht entspreche. Nur wenn ich mit meinen Enkelkindern zusammen bin, dann sind das Augenblicke, die man als glücklich bezeichnen könnte.








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