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2016年11月7日
Kurier
Jürgen Klatzer
Interview-mit-Gottfried-Helnwein
Interview mit Gottfried Helnwein
Künstler Gottfried Helnwein über die Hofburg-Wahl, Troika, Rechtspopulisten, Irland und die Nachkriegszeit in Wien
Der Aufstand der Jugend in den Sechzigern war eine historische Notwendigkeit. Die Generation unserer Eltern und Großeltern waren durch zwei Weltkriege und das Nazi-Regime beschädigt. Sie waren für den Holocaust verantwortlich. Und danach hatte viele ehemalige Kriegsverbrecher wichtige Ämter und Positionen in der Regierung oder waren in öffentlichen Institutionen beschäftigt. Der ehemalige SS-Mann und Massenmörder Friedrich Peter war Chef der Freiheitlichen. Oder Heinrich Gross, der in der NS-Zeit 800 Kinder ermordet hatte, war der meistbeauftragte Gerichtspsychiater Österreichs (der KURIER berichtete). Dementsprechend war auch das Klima in der Bevölkerung.
Der österreichische Maler Gottfried Helnwein im kurier.at-Gespräch
Foto: Kurier/Juerg Christandl

Gottfried Helnwein gilt als einer der bekanntesten und zugleich umstrittensten Künstler nach dem Zweiten Weltkrieg. Im kurier.at-Gespräch erzählt der Maler, warum er zu europäisch für die USA ist, Politiker für die Interessen des Großkapitals arbeiten und mit Elvis eigentlich alles begonnen hat. Inklusive Video.

Ein Schotterweg führt zum Schloss Gurteen. Eine 40-Zimmer-Festung, gebaut 1866 für Count Edmund de la Poer, den privaten Haushofmeister von Papst Pius IX. Links und rechts ragen Bäume aus dem Boden, ein in die Jahre gekommener Holzzaun und ein zum Teil zerfallenes Steintor  trennen das pittoreske Schlossareal von Kilsheelan, ein 500-Einwohner Dorf in der südirischen Grafschaft Waterford.
Schlossherr des mit roten Kletterpflanzen verhangenen und der elisabethanischen Architektur nachempfundenen Bauwerks ist Gottfried Helnwein, einer der bekanntesten und umstrittensten Künstler nach dem Zweiten Weltkrieg. Seine fotorealistischen Bilder von verstümmelten und gequälten Kindern lösten immer wieder heftige Proteste aus. In den Siebziger- und Achtzigerjahren wurden Ausstellungen geschlossen, Bilder von der Polizei beschlagnahmt und von Unbekannten mit "Entartete Kunst"-Stickern beklebt - ein nationalsozialistisches Diktum, um Moderne Kunst zu diffamieren.

Helnwein, der 1948 in Wien geboren wurde, ist in jeder Hinsicht ein "enfant terrible". In seiner Jugend nimmt er Drogen, zerschneidet sich mit Rasierklingen Hände und Gesicht und inszeniert einen anarchistischen Aufstand an der Akademie der bildenden Künste, an der er Malerei studierte
Heute ist der Wiener 68 Jahre alt, hat eine Tochter, drei Söhne und vier Enkelkinder. Wegen ihres "gothic spirit" bezeichnete das New York Times Magazine die Helnweins als die "The Real-Life Addams Family", was auch zum Innenleben des Schlosses passt. In der Eingangshalle stehen Totenköpfe, Reagenzgläser und kleine Giftdosen. Überall zieren Helnweins Kunstwerke Wände, teils ästhetisch schön, teils subtil verstörend. Wie Epiphany I (1996), das die berühmteste Szene der katholischen Kirche darstellt: die Geburt Christi. Allerdings ist Helnweins Jesuskind Adolf Hitler, umringt von fünf SS-Offizieren, seinen Königen aus dem Dritten Reich.




Viele würden Kilsheelan wohl als „am Arsch der Welt“ bezeichnen. Warum zieht es einen in Wien geborenen Künstler eigentlich genau hierher?

Ich liebe die Einsamkeit der irischen Landschaft. In meiner Jugend wollte ich immer weg von Wien. Nach dem Krieg wollten das die meisten aus meiner Generation. Egal, wer, H.C. Artmann,  Hundertwasser, alle haben ständig davon geredet auszuwandern. In Wien herrschte bis in die Achtzigerjahre  ein grauenhaftes Klima. Zuerst bin ich nach Deutschland, dann in die USA, die ich mir immer vorgestellt hatte wie den Sehnsuchtsort meiner Kindheit: Entenhausen.

Weil Ihnen Ihr Vater ein Donald Duck-Heft geschenkt hat?

Donald Duck, aber auch Charly Chaplin und Elvis waren wie himmlische Sendboten, die zu uns Kinder in das finstere Nachkriegs-Wien herabgestiegen sind, um von einer neuen, besseren Welt zu künden.
Von dem idealisierten Amerikabild meiner Kindheit und Jugend ist nicht mehr viel übrig geblieben, die USA sind auf dem direkten Weg in einen Polizei- und Überwachungsstaat, der Orwells 1984 wie ein Hippie-Dorf aussehen lässt. Es ist seltsam, trotz alledem habe ich in Amerika immer noch ein subjektives Gefühl von Freiheit, die es sonst nirgendwo gibt. Mir ist die Lebensweise in Amerika so vertraut und ein Teil von mir wird  immer mit diesem Land und den Menschen verbunden sein.

Sie sind aber nicht in den USA geblieben.

Die Hälfte des Jahres verbringe ich immer noch in Los Angeles, aber mir ist irgendwann klargeworden, dass ich trotz der Liebe zu diesem Land nie amerikanischer Staatsbürger werden könnte, dazu bin ich einfach zu sehr europäisch. Ich brauche die Vielfalt der verschiedenen gewachsenen Kulturen und Traditionen Europas. Daher habe ich gedacht, ich suche mir ein  Hauptquartier an dem für mich idealen Ort in Europa.

Darüber könnte man diskutieren.

Eigentlich stand Italien ganz oben auf meiner Liste, es ist mit seiner Lebenskultur wahrscheinlich das beste Land der Welt.  Ich habe einige Zeit in der Nähe von Napoli gelebt und nach einem passenden Haus gesucht, aber ich habe bald gemerkt,  dass ich auf das süditalienische System überhaupt nicht vorbereitet war. Dieser Art von hochentwickelter  Korruptionskultur und eleganter Desorganisation, die sich in  2000 Jahren entwickelt hat, war ich einfach nicht gewachsen. Da ich von meiner Arbeit lebe, muss meine Post manchmal ankommen, also musste ich mich nach einem anderen Ort umsehen.

Warum sind Sie nicht weiter in den Norden gezogen?

Ein italienischer Kunstkritiker hat einmal zu mir gesagt: „Your Art is very gothic“, was aus der Sicht eines Süditalieners durchaus nachvollziehbar ist.
Ich habe also beschlossen mich weiter nördlich umzusehen  und bin nach Irland gereist. Ich wusste nicht viel über das Land, ich habe meine Familie genommen und bin kreuz und quer über die Insel gefahren. Es war Weihnachten, es hat geregnet, geschneit und gestürmt, wir waren tagelang an der Westküste unterwegs, wir sassen in kleinen Pubs und tranken Guinness. Ich kann mich noch gut an den eigenartigen Geruch des Torffeuers erinnern. Aus irgendeinem Grund waren wir sofort begeistert von diesem Land und sind geblieben. Und im Rückblick kann ich sagen, es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens.

In den Siebziger- und Achtzigerjahren wurden Sie in Österreich und Deutschland wegen Ihrer Kunst auch angefeindet. War das in Irland nicht der Fall?

Marcel Duchamp hat gesagt: “Ein Gemälde, das nicht schockiert, ist nichts wert.” Demnach müsste man meinen Bildern einen sehr hohen Wert zumessen. In den ersten Jahren haben meine Arbeiten tatsächlich für einige Aufregung gesorgt, Ausstellungen wurden abgebrochen, Bilder wurden mit “entartete Kunst”- Stickern überklebt,  andere wurden in einer Galerie  durch die Polizei beschlagnahmt. Aber das ist lange her.
Eines meiner Bilder war kürzlich auf dem Katalog-Cover der  “Irish Art”-Auktion bei Sotheby’s London. Ich werde hier gut behandelt, ich kann nicht klagen.

Nie daran gedacht, wieder nach Österreich zu kommen?

Geistig habe ich Wien ja nie ganz verlassen. Meine Arbeit ist tief in der Österreichschen Kulturtradition verwurzelt, und ich werde überall in der Welt als österreichischer Künstler betrachtet. Man könnte sagen, wo immer ich bin, ist Österreich. Aber mein Heimatbegriff geht weiter. Er beinhaltet auch Amerika, Italien und Irland. Irland ist jedenfalls guter Ort für Künstler. Böll hat hier gelebt, HC Artmann, Houellebecq, Ransmayr und Mitterer.

Großkonzerne denken offenbar auch so. Wie lebt es sich in einer Steueroase?

Als Irland noch ein unabhängiges, armes kleines Land war, gab es hier tatsächlich Steuerfreiheit für Künstler, und vor allem Schriftsteller aus der ganzen Welt  haben hier gelebt und gearbeitet.
Das ist aber lange vorbei. Seitdem die Anglo-Irish-Bank dieses Land in den Bankrott gestürzt hat, und seitdem die Troika  die finanziellen Entscheidungen trifft, sind die Steuerprivilegien für Künstler eliminiert worden.
Nur Grosskonzerne sind hier praktisch von jeder Steuer befreit. Die schwachsinnige Regierung hier weigert sich mit Händen und Füssen, sogar  gegen die Aufforderung aus Brüssel,  die 13 Milliarden Euro Steuern, die Apple dem Land schuldet, zu kassieren.
Oft denke ich, dass die irische Bevölkerung etwas Besseres verdient hat als diese Anhäufung von korrupten Vollidioten in der Regierung.  Sie haben es auch geschafft, die wenigen natürlichen Ressourcen , die diese Insel besitzt, für ein Butterbrot an internationale Großkonzerne zu verscherbeln. Irland besitzt nun nichts mehr, ausser Schulden. All das führt dazu, dass Menschen  Politikern und dem System nicht mehr vertrauen.

Welches System?

Das System, das zum Beispiel die gesamten Fischerei-Rechte des Landes an ausländische Konzerne verschleudert hat, die nun mit riesigen Schiffen, die aussehen wie Fabriken, das ganze Meer leerfischen. Irischen Fischern wurde hingegen eine minimale, rein symbolische, Fangquote verordnet.
Irgendein ein Arschloch in Brüssel, das noch nie in seinem Leben einen Fuss auf diese Insel gesetzt hat, hat offensichtlich darüber nachgedacht, wie man das Leben der Menschen hier noch schwieriger und komplizierter machen kann.
Alles wird bürokratisiert und privatisiert, und die grossen Entscheidungen werden im Zuge der Globalisierung immer weniger von Politikern getroffen, sondern von der Troika und Goldman-Sachs.  Am Beispiel Griechenland sieht man sehr gut, wie ein Land zuerst in den Ruin getrieben, und dann vom Großkapital und den Bankern wie ein Vogelnest geplündert wird.

Österreich gehört zur EU, ist vielleicht auch überbürokratisiert, aber was sagen Sie zum schlampigen Verhalten bei der Hofburg-Wahl. Zuerst aufgehoben, weil man sich nicht an das Gesetz hielt, dann verschoben, weil der Kleber nicht pickte.

Ich denke es ist ein Phänomen der ganzen westlichen Welt, dass das Vertrauen der Menschen in die traditionellen, etablierten Parteien und Medien schwindet.  
Viele halten die etablierten Parteien für korrupt und entweder unwillens oder unfähig auf die Probleme  der Menschen einzugehen und sie vor dem zu beschützen, was sie als Bedrohungen empfinden.
 Es verbreitet sich immer mehr der Eindruck dass die regierenden Politiker eher für die Interessen des Grosskapitals  arbeiten als für die Interessen der Bürger.
In Zeiten von Angst und Unsicherheit wenden sich viele Menschen eher radikaleren Parteien und Ideologien zu. Das erklärt die Erfolge der FPÖ, AfD und Marine Le Pen, oder  auch die der Linken wie in Griechenland uns Portugal. In Amerika haben wir eine ganz ähnliche Situation, da wurde das ganze politische Establishment durcheinander gewirbelt, als die Wähler scharenweise zu den Aussenseitern Bernie Sanders und Donald Trump übergelaufen sind.
Aber anstatt zu versuchen, diese Reaktion der Wähler zu verstehen, und die Gründe für ihr Verhalten zu analysieren, bezeichnet man sie lieber pauschal als „Pack“ (SPD-Chef Sigmar Gabriel, Anm.). Das erinnert mich an Bertolt Brecht, der gesagt hat: “Das Volk hat das Vertrauen der Regierung verscherzt. Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?”

Hofer könnte Bundespräsident werden, die FPÖ eine Regierungspartei. Was wäre schlecht daran?

Ich glaube, das letzte was wir jetzt in Österreich, in Deutschland oder sonstwo in Europa brauchen, sind rechtsextreme, rassistische Ideologien.
Das Dumme ist nur, dass viele der Probleme, die die FPÖ und andere rechte Parteien in Europa ansprechen,  tatsächlich existieren und eine grosse Verunsicherung und Belastung für die Menschen darstellen. Die Flut an Flüchtlingen die teilweise unkontrolliert nach Europa strömt, und mittlerweile eher einer modernen Völkerwanderung gleicht, hat  die Politiker Europas völlig überfordert.
Es ist den Regierungen nicht gelungen zwischen echten Kriegsflüchtlingen und kriminellen und extremistischen Islamisten zu differenzieren, und dann hat man versucht, die daraus resultierenden Probleme einfach zu ignorieren,  zu leugnen, totzuschweigen. Man musste um jeden Preis an der Gutmenschen-Pose festhalten, um nur ja nicht als  fremdenfeindlich dazustehen. Die Ereignisse der Kölner Silvesternacht in der es massenhaft zu sexuellen Übergriffen kam, es wurden über 1000 Anzeigen erstattet, und mehrere Terroranschläge in Deutschland, Frankreich und Belgien haben dann eine Zäsur dargestellt. Es lässt sich nicht mehr abstreiten, dass es ungelöste Probleme in der Flüchtlingsfrage gibt.
Wenn die etablierten Parteien so weiter machen und keine Lösungen finden, müssen Sprache & Co gar nichts machen, sie müssen sich nur  zurücklehnen und abwarten.

Sie sind gegen Willkommenspolitik und für Grenzschließung?

Woher kommt eigentlich diese schwachsinnige Idee, dass es nur diese zwei Extreme geben kann: entweder alles dicht machen und das Land mit einem eisernen Vorhang abriegeln wie Orban,  oder wie Merkel mit gefalteten Händen dazustehen und jeden, auch wenn er seinen Pass wegwirft, ungefragt hereinlässt, solange er nur wie ein Araber aussieht.

Wofür sind Sie?

Selbstverständlich muss man Menschen, die vor Krieg und Terror flüchten, helfen. Wir in Österreich und Deutschland haben sogar eine historische Verpflichtung dazu. Unsere Länder waren für den grössten Massenexodus der jüngsten Geschichte verantwortlich, und die Zeugnisse der vielen Menschen, die alles zurücklassen mussten und verzweifelt versucht haben, irgendwo aufgenommen zu werden, sind nur zu  lebendig.  Wir helfen den Flüchtlingen aber nicht, wenn wir auch jugendliche Kriminelle aus Marokko und Tunesien völlig unkontrolliert mit hereinlassen. Damit spielt man den Rechten nur in die Hände und trägt zu den Übergriffen gegen unschuldige Flüchtlinge bei.
Wir sollten aber auch einmal die Ursachen des gegenwärtigen Flüchtlingsproblems ansprechen. Der ganze Mittlere Osten ist durch die ständige Einmischung, die Invasionen und Bombardierungen der Westmächte vollkommen verwüstet und teilweise unbewohnbar geworden. Die Standardprozedur amerikanischen Aussenpolitik scheint zu sein: ultimative Drohungen und “in die Steinzeit zurück bomben”, wie sie es US-Generäle gerne formulieren. Die ständigen kriegerischen Interventionen der Amerikaner und ihrer Verbündeten, haben noch nie irgendein Problem gelöst oder irgendjemandem geholfen, ausser dem Military Industrial Complex und seinen Banken.
Die westliche Militärmaschinerie ist ein gefrässiger  Koloss, der niemals genug kriegen kann. Seit dem 2ten Weltkrieg war die sogenannte erste Welt immer im Kriegszustand mit der sog. dritten Welt und hat eine Spur der Verwüstung hinterlassen: Korea, Vietnam, Kambodscha, Laos, Guatemala, Afghanistan, Irak, Libyen, Syrien usw.. In diesen Kriegen sind zig-Millionen Menschen gestorben. Aber es reicht noch nicht. Nun muss der Krieg auch noch auf Iran und Russland ausgewertet werden. Hillary Clinton hat wortwörtlich gesagt: “Ich will dass die Iraner wissen, wenn ich Präsidentin bin, werden wir den Iran angreifen und wir sind imstande sie total auszulöschen.”

Was wären Ihrer Ansicht nach heutzutage Alternativen zu Trump oder Strache?

Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Es gibt zu wenige unabhängige Politiker mit neuen Visionen, weil das Links-Rechts-Denken im westlichen System einfach zu tief verankert ist. Wir brauchen neue Ideen und Strategien, da die Probleme  heute ganz andere sind als die des 19. und 20. Jahrhunderts.
Die grösste Herausforderung ist die sogenannte Globalisierung, wobei der Begriff ein wenig irreführend ist. Es ist nicht so, als würde sich die ganze Welt auf einen uniformen Code einigen. Das was hier stattfindet ist In Wahrheit eine Amerikanisierung der Welt.

Sie sagten, dass Sie die USA lieben.

Ja, dort wo sie hingehören, in Amerika. Ich hätte aber gerne, dass Italien Italien bleibt und Frankreich Frankreich und Österreich Österreich. Wir sind gerade dabei die Einzigartigkeit der verschiedenen Kulturen, Sprachen und Traditionen, die sich tausende Jahre entwickelt haben,  zu verlieren.  
Die Vorstellung einer Zukunft ich der ich nicht mehr weiss, ob ich gerade in Bukarest, Köln oder London bin, weil alles gleich aussieht, die Architektur, die Starbucks Filialen, die Shopping Malls, die Baseballkappen, die Nikes und cell-phones finde ich einigermassen beunruhigend.

Würden Sie sich als globalisierungskritisch beschreiben?

Vielleicht bin ich sentimental, aber ich mag einfach kleine Läden mit biologischen Lebensmitteln aus der heimischen Landwirtschaft lieber als die gigantische Supermarket-Hallen, in denen sich, in grelles Neonlicht getaucht, die genmanipulierten Monsanto-Produkte stapeln. In Irland steht heute vor jedem Dorf ein riesiger Beton-Kasten auf dem entweder Lidl, Aldi oder Tesco darauf steht.
Das Irland der endlosen Wiesen und Steinmauern, der Schafe und strohgedeckten Cottages die man aus der Fremdenverkehrswerbung kennt,  gibt es zwar noch, aber es waren in den letzten Jahren viele Bürgerinitiativen und Proteste notwendig, um die Zerstörung der Natur durch ausländische Konzerne zu verhindern.

Vermissen Sie eine Jugendrevolte wie Sie sie in den Sechzigern und Siebzigern miterlebt haben?

Der Aufstand der Jugend in den 60ern war eine historische Notwendigkeit.  Die Generation unserer Eltern  und Grosseltern waren durch 2 Weltkriege und das Naziregime beschädigt. Sie waren die Generationen, die für den Holocaust verantwortlich waren.
Viele ehemalige Kriegsverbrecher hatten wichtige Ämter und Postionen in der Regierung, im Justitzapperat, der Exekutive, in der Medizin, in Schulen und Universitäten usw.. Der ehemalige SS-Mann und Massenmörder  Friedrich Peter war Chef der Freiheitlichen und Heinrich Gross, der in der NS-Zeit 800 Kinder ermordet hatte, war der meistbeauftragte Gerichtspsychiater Österreichs. Globke, der Verfasser der Nürnberger Rassengesetze war, als die rechte Hand Adenauers, der einflussreichste Mann in der Deutschen Regierung und der Bundesnachrichtendienst wurde von Nazigeneral Gehlen aufgebaut und fast ausschliesslich mit ehemaligen SS- und Gestapo-Leuten besetzt.  Das Klima in dem wir aufgewachsen sind, war entsprechend.
Ich erinnere mich noch an einen Kinobesuch wo, in der Wochenschau vor dem Film, das erste mal die Beatles, als “neue Musikgruppe aus Liverpool” vorgestellt wurden: vier dünne Knaben mit Pilzfrisuren, engen Anzügen und schmalen Krawatten schritten die Gangway von einem Flugzeug herab. Da ging ein Raunen durch den Kinosaal und plötzlich schrien einige: “Es Gsindel, es g’herts vergast. Da Hitla gherat wieda her, der tät aufrahma mit eich!”

In Wien?

In Wien. Wenn ich mit dem Deix auf der Strassen unterwegs war, wurden wir wegen unserer etwas längeren Haare, die wir uns verwegen in die Stirn gekämmt hatten, ständig beschimpft und bedroht. “Ihr gherts vergast” und “Da Hitler g’herat wieda her”, waren Phrasen, die uns in unserer Jugend ständig begleitet haben. Uns wurden Steine nachgeworfen und wir sind aus Lokalen geflogen. Ich erinnere mich noch an ein handgeschriebenes Schild an einer Wirtshaustür mit folgendem Text: “Für Gammler, Hippies, Hunde und und ähnliches Gesindel Eintritt verboten”
Eigentlich gab es  zwei verschiedene Revolutionen, die eine war die politische, neo-marxistische, die letztlich aber völlig gescheitert ist, denn bei ihrem Marsch durch die Institutionen sind Horst Mahler, Otto Schily und Fischer  links unten hineinmarschiert und ganz rechts oben sind sie wieder herausgekommen. Bei diesem Marsch haben die Institutionen gewonnen.
Dann gab es aber auch die kulturelle Revolution mit den Stones, Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison, die unsere Kultur und unser ästhetisches Empfinden vollkommen verändert hat.
Aber eigentlich hat alles mit Elvis begonnen. Wie John Lennon richtig sagte: “Vor Elvis war nichts.” Alle Musiker nach ihm, waren in irgendeiner Weise von ihm inspiriert oder beeinflusst. Sein Auftreten, seine Performance, sein Lebensstil hat alles verändert. Elvis war die Geburt von “Cool”.

Sie haben vier Kinder und drei Enkelkinder. Revoltieren die auch?

Die Ursache jeder Jugendrevolte ist das stupide und repressiven Establishment der Erwachsenen, die jede Spontanität und Kreativität abwürgt.  Wenn es keine Unterdrückung, Einschränkung  und Bevormundung gibt, warum sollte jemand revoltieren? Es hat mit meinen Kindern niemals Erziehungsprobleme oder irgendeinen Konflikt gegeben.  Als die Kinder noch klein waren, haben Freunde immer wieder gesagt, wartet nur bis sie in die Pubertät kommen, da werdet Ihr Euch noch wundern. Heute sind sie über 30 und haben selbst Kinder und ich warte immer noch.

Woran liegt das?

Das wichtigste, das man einem Kind entgegenbringen  muss, ist Respekt.
Ich habe mich meinen Kindern gegenüber nie als Autorität empfunden, sonder als Verbündeter oder Freund. Wir haben immer wie eine italienische Grossfamilie zusammengelebt, an den verschiedensten Orten der Welt. Die Kinder sind immer mit Kunst und Künstlern aufgewachsen, in völliger Freiheit. Ich habe ihnen sogar freigestellt, ob sie in die Schule gehen wollten oder nicht. Alle meine Kinder sind Künstler. geworden.  Ganz falsch kann die Erziehung also nicht gewesen sein.

Werden Sie Ihr Schloss Ihren Kindern vererben?

Nein. Ich finde, so ein Erbe wäre eine zu grosse Belastung für sie. Wenn das Anwesen und der Park fertig gestaltet und restauriert sind, möchte ich eine Stiftung, eine Art Museum- und Kunstzentrum daraus machen. Meine Kinder sollen aber die Möglichkeit haben, hier zu leben.

Wie viel zahlt man für ein Helnwein-Gemälde?

Es kommt auf die Größe an. Vielleicht zwischen 60.000 und 400.000 Euro. . Wenn Sie mich nach meinem Vermögen fragen, kann ich nur sagen: Mein Vermögen ist die Freiheit, Leben zu können, wo immer ich will, und tun zu können, was ich tun will. Das ist ein Privileg, für das ich sehr dankbar bin.





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