2005年7月18日
Deutschlandradio
Sven-Claude Bettinger
Die-Seele-zeigen
Die Seele zeigen
Ausstellung "Soul" in Brügge
Allerdings: An vielen Stellen verunsichert "Soul" sehr stark. Kurator Willy van den Bussche hat zahlreiche Werke ausgewählt, bei denen der menschliche Körper oder ein Körperteil zentral steht. Das geht von dem gigantisch vergrößerten, herabbaumelnden Kopf eines ungeborenen Kindes von Gottfried Helnwein über Torsos in vielen Variationen bis zu den gruseligen Frauenfiguren, die David Mach aus Alu-Kleiderbügeln, Antony Gormley aus langen Stahlstäbchen zusammensetzt.
In den Räumen eines Priesterseminars im belgischen Brügge wird in einer internationalen Schau das Seelische in der zeitgenössischen Kunst ausgelotet. Die Ausstellung "Soul" bildet einen Gegenakzent innerhalb des Kulturprojekts "Corpus", das sich in Kunst, Musik, Theater und Tanz mit allen Aspekten des Körpers auseinander setzt.
Von Anfang an machte die Ausstellung "Soul" neugierig. Sie versprach, das Seelische in der zeitgenössischen Kunst auszuloten, im Unterschied zum Körperlichen und Geistigen. Die unterschwellige Anspielung an die Soulmusik ließ Inbrunst vermuten, die Wahl des Ausstellungsortes - eine Barockabtei, in der heutzutage ein Priesterseminar untergebracht ist - wies in Richtung Kontemplation. Vielleicht wären Werke mit diesem Inhalt entstanden, wenn die Künstler den Auftrag bekommen hätten, sie eigens für diese besonderen Räume zu schaffen. Das ist nicht der Fall, Kurator Willy van den Bussche wählte aus, was ihm gefiel. So wurde "Soul" viel prosaischer:
Willy van den Bussche: Die Umgebung verleiht den Kunstwerken mehr Wert, umgekehrt gewinnen die Räume dank der Kunst. So kommt es hier zu Wechselwirkungen, Dialogen, Spannungen und vielen Paradoxen.
So manche Arbeit steht in schrillem Kontrast zur Umgebung. Etwa das "Umbraculum" von Jan Fabre im Kirchenschiff. Die Installation aus schweren, alten, verrosteten Maschinenteilen, über denen mit grün schillernden Insektenpanzern besetzte Rollstühle und Krücken baumeln, lädt gewiss nicht zu Gebet oder Messe ein.
Deplatziert wirkt auch die Videoinstallation "Eiserne Tränen" von Marie-Jo Lafontaine im ehemaligen Kapitelsaal. Auf zwei Dutzend Bildschirmen beißt sich ein smarter Typ beim Bodybuilding auf die Zähne, um ja die begehrte Traumfigur zu bekommen. Bellinis Arie "Casta Diva" bildet dazu die ironische Begleitmusik. Die alten Abt-Porträts an den Wänden sehen da jetzt besonders streng aus.
Andere Werke passen hingegen verblüffend gut zur Umgebung. Bill Violas Video "Das Quintett der Staunenden" mit fünf trauernden Menschen, die sich mit ganz langsamen Bewegungen trösten, lässt hier plötzlich an Gemälde von Caravaggio denken. Paul van Hoeydoncks winzige, abstrakte Aluminiumplastik "Der gefallene Astronaut" sieht in der Tabernakelnische eines Barockaltars wie eine Reliquie aus, die magisch an einen großen Traum erinnert.
Und die immense "Venezianische Woge", die Matsuda Hiromi auf der weiten Rasenfläche zwischen Abtei und Gartenmauer aufbaute, hat eine tiefere Bedeutung. Die leuchtend blauen und kristallklaren Elemente ähneln Quallen, die in verschiedenen Sprachen mit Medusa in Verbindung gebracht werden. Die Abbildung des abgehackten Hauptes dieser Sterblichen, so dachten die alten Griechen, wehre Unheil ab. Genau an solchen Stellen hält die Ausstellung, was ihr Kurator verspricht:
Willy van den Bussche: Der heutige Mensch sucht wieder nach Transzendenz. Sie kann ihm Halt geben, weil sie die harte Realität des Alltagslebens übersteigt. Da wird Realität zur Fiktion und Fiktion zur Realität.
Allerdings: An vielen Stellen verunsichert "Soul" sehr stark. Kurator Willy van den Bussche hat zahlreiche Werke ausgewählt, bei denen der menschliche Körper oder ein Körperteil zentral steht. Das geht von dem gigantisch vergrößerten, herabbaumelnden Kopf eines ungeborenen Kindes von Gottfried Helnwein über Torsos in vielen Variationen bis zu den gruseligen Frauenfiguren, die David Mach aus Alu-Kleiderbügeln, Antony Gormley aus langen Stahlstäbchen zusammensetzt.
Leidende und gequälte Menschen, Verwundete und Verstümmelte, groteske Masken und fotografierte Geschwulste erinnern an das Heulen und Zähneknirschen in den drohendsten, gewalttätigsten Passagen der Bibel. Da löst diese Ausstellung plötzlich düstere Gedankengänge aus.
Sie spiegelt die menschliche Befindlichkeit zu Beginn des 21. Jahrhunderts wider. Die Umgebung der Abtei unterstreicht, dass Seelenqual oder Höllenqual konstant war und ist - nicht zuletzt dank der "Fiktion" der christlichen Ideologie. Da kann man diese Ausstellung als harsche Kritik verstehen. In den Räumen eines Priesterseminars wirkt das pikant.
Service:
Die Ausstellung "Soul" ist bis zum 15. September im Priesterseminar des Bistums Brügge - einer ehemaligen Zisterzienserabtei am Stadtrand - zu sehen. Kurator Willy van den Bussche, der Direktor des Muserums für moderne Kunst in Ostende, wählt dafür "beseelte Kunstwerke" von 53 Künstlern aus. Darunter sind international bekannte Figuren wie Gottfried Helnwein, Marlène Dumas, Jan Fabre, Roni Horn, Juan Munoz, Thomas Schütte, Luc Tuymans oder Bill Viola.
Die Ausstellung findet im Rahmen des Brügger Kulturprojekts Corpus 05 statt, in dessen Mittelpunkt in diesem Jahr Kunst, Musik, Theater und Tanz stehen, die sich mit allen Aspekten des Körpers und der Körperlichkeit auseinander setzen.
Fall of the Angels
digital print, 1999, 700 cm x 1000 cm / 275'' x 393''




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