2011年10月11日
FIRST magazine
Vienna
Susanne Rabl
Der-Malerfuerst
Der Malerfürst
Interview mit Gottfried Helnwein auf seinem Irischen Schloss
"Als ich in den 1990er Jahren nach Irland kam, war es das freieste Land der westlichen Welt. Es gab nicht einmal den Ansatz irgendeinereiner Bürokratie. Es existierten überhaupt keine Formulare, die man hätte ausfüllen können, man konnte ohne Führerschein Autofahren und Künstler waren von der Steuer befreit. Ich hatte 10 Jahre lang keinen einzigen Polizisten gesehen, ich war mir gar nicht sicher, ob es soetwas hier überhaupt gibt. Das war mein Land. Ich komme nämlich sehr gut ohne Bevormundung, Überwachung und Kontrolle irgendwelcher Behörden zurecht. Die EU hat aber in den letzten Jahren dafür gesorgt, dass die Party hier vorbei ist und einige Banker haben das Land vor kurzem auch noch bankrott gemacht. Sonst ist es aber immer noch gemütlich hier."
Gottfried Helnwein. Der gebürtige Wiener zählt zu den bedeutendsten, aber auch umstrittensten Malern der Gegenwart. FIRST traf den Künstler exklusiv zu einem seiner seltenen Interviews auf seinem Schloss in Irland.
Head of a Child
mixed media (oil and acrylic on canvas), 2011, and model Croi, studio Ireland
Sie zählen zu den bekanntesten, aber auch umstrittensten deutschsprachigen Gegenwartskünstlern. In Ihren Werken setzen Sie sich mit Schmerz, Gewalt und Folter auseinander. Warum beschäftigen Sie sich so intensiv mit diesen Themen?
Wie ich als Kind zum ersten Mal vom Holocaust erfahren habe, wollte ich alles darüber wissen. Und obwohl in den 1960er Jahren niemand darüber gesprochen hat, auch in der Schule nicht, habe ich alles zusammen getragen, was ich darüber finden konnte. Ich war besessen von diesem Thema, Diese sinnlose Gewalt gegen Wehrlose hat meinen kindichen Gerechtigkeitssinn völlig erschüttert. Irgendwann kam ich dann mit meinen Recherchen in die Gegenwart und stieß auf Polizeifotos von zu Tode gefolterten Kindern. Das war der Moment, in dem ich beschlossen habe Künstler zu werden. Ich wusste, dass ich mich nur über Kunst und Ästhetik diesen Themen nähern kann.
Sie waren als Kind Ministrant und bereits mit 5 Jahren zur Frühkommunion zugelassen. Blut und Schmerz sind auch Themen des katholischen Glaubens. Wie sehr hat Sie dieser beeinflusst?
Die erste Kunst, der ich begegnet bin, waren die Darstellungenen von gefolterten, blutüberströmten Heiligen, Kreuzigungen und Wundmalen in den Kirchen, wo ich einen grossen Teil meiner Kindheit verbracht habe. Das zentrale Thema der christliche Religion ist ja Blut, Schmerz und Tod.
Sie selbst haben sich als Jugendlicher mit Rasierklingen Hände und Gesicht zerschnitten. Hatte die Selbstverletzung auch etwas mit der Kirche zu tun?
Nein, das habe ich aus einem aktionistischen Impuls heraus gemacht. Das war damals auf der „Graphischen“ (Höhere Graphische Bundes- Lehr- und Versuchsanstalt Wien; Anm.) Ich wollte einfach den Betrieb stören. Ich wusste damals nichts vom Wiener Aktionismus, der ja erst 1968 durch die sog. "Uni-Ferkelei" in der Öffentlichkeit bekannt wurde. Ich habe seit 1965 immer wieder solche Aktionen durchgeführt und mich verletzt und bandagiert.
Bandagierte, misshandelte Kinder sind auch bekannte Motive in Ihrem Werk, die bei vielen Menschen verstörende Emotionen hervorrufen.
Es sind nicht meine Bilder, die die Leute bedrohen. Es sind die Bilder in ihren eigenen Köpfen, die durch meine Arbeiten wahrscheinlich zum Leben erweckt werden. Meine Bilder bestehen nur aus Leinwänden und winzigen Mengen Farbpigmenten, Öl und Harz. Sie stellen also in keiner Weise irgendeine eine ernsthafte Gefahr dar.
Welche Eltern erlauben, dass Sie ihr Kind als misshandelte Leiche darstellen?
Es gab immer erstaunlich viele Kinder, die von meinen Arbeiten begeistert waren. Ich wurde wiederholt von Eltern angesprochen, die durch ihre Kinder zu mir kamen. Es ist so einfach mit Kindern zu arbeiten und ich kann mich in der Regel viel leichter mit ihnen verständigen als mit Erwachsenen. Derzeit arbeite ich oft mit meiner Enkeltochter Croí. Sie ist ein wunderbares Modell.
Woher kommt Ihr besonderer Draht zu Kindern?
Ich weiß es nicht genau. Ich habe Kinder immer als Verbündete betrachtet und ich betrachte es als ein Privileg mit ihnen zusammen sein zu können. Sie erlösen einen von der Beschränktheit des Erwachsensein. Sie denken nicht an Steuern, den Dow Jones oder die Altersvorsorge.
Sie haben mit Ihrer Frau Renate vier Kinder. Was war Ihnen bei der Erziehung wichtig?
Das Einfachste und Vergnüglichste in meinem Leben war die Erziehung unserer Kinder.
Ich war immer total offen mit ihnen und habe ihnen alle Freiheiten gelassen. Es gab keine Verbote. Es gibt eigentlich nur eine Regel, die man bei der Kindererziehung einhalten sollte. Man muss ein Kind vom ersten Tag an mit Respekt und als eigenständige Persönlichkeit behandeln.
Alle vier Ihrer Kinder sind künstlerisch tätig. Wie schwer war ihr Werdegang mit dem kreativen Übervater?
Alle meine Kinder sind Künstler geworden und alle gehen ihren eigenen Weg. Mein Sohn Ali ist Komponist, spielt Violine und dirigiert sein eigenes Orchester, meine Tochter Mercedes ist Schriftstellerin, Malerin und Videokünstlerin, Mein ältester Sohn Cyril ist Fotograf und arbeitet für mich als mein Assistent und Amadeus , der Jüngste, schreibt. Und die Lebensgefährten meiner Kinde sind ebenfalls alle Künstler.
Ihre Frau ist keine Künstlerin. Ist sie der Ruhepol im Hause Helnwein?
Das könnte man so sagen. Es ist gut, wenn einer normal ist. Meine Frau ist das Auge des Orkans. (lacht).
Sie leben mit Ihrer Familie seit über 20 Jahren im Ausland. Was zieht einen gebürtigen Wiener ausgerechnet nach Irland?
In meiner Jugend wollte ich immer weg von Wien, wie die meisten Künstler. Das Wien der 50er und 60er Jahre war eine Horrorstadt, der Zusammenbruch der Donaumonarchie, 2 Weltkriege und Diktaturen waren nicht ohne Folgen geblieben.
Inwiefern?
Wien war düster und depressiv und die Häuser waren alle schwarz. Meine erster Gedanke als Kleinkind war, dass ich irgendwie an einem falschen Ort gelandet war, und dass da gar nicht sein wollte. Die Erwachsenen um mich herum schienen mir grantig, hässlich, und bedrohlich. Andererseits duckten sie sich aber ständig in Spiessermanier und ihr Lebenszweck schien es zu sein, nur nicht aufzufallen.
Die Haare wurden uns in unserer Knabenzeit bis zum Wirbel hoch geschoren, wie bei der Hitler Jugend. Mein alter Freund Manfred Deix ist mit 17 Jahren noch weinend in die Grafische gekommen, weil ihn die Eltern gezwungen hatten, die Haare zu abzuscheren. Dabei hätten wir viel lieber so ausgesehen wie die Beatles oder die Stones (lacht).
Ich glaube nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hat Wien wieder zu atmen begonnen, und jedesmal wenn ich heute zurückkomme, erlebe ich Wien als eine der besten Städte der Welt.
Und in Deutschland ging es Ihnen besser?
Nein, denn ich habe bemerkt, dass mir Deutschland wirklich völlig fremd ist. Dort spricht man zwar eine ähnliche Sprache wie wir, aber dennoch hatte ich das Gefühl auf dem Mond zu leben. Der sog. "Anschluss" war wirklich eine Schnapsidee, denn Österreich hat mit Deutschland nicht das geringste zu tun. Ich bin dann nach Amerika gegangen. Zuerst hatte ich ein Atelier in New York und später eines in Los Angeles.
Aber Amerikaner könnte ich nie werden, dazu bin ich bin einfach viel zu europäisch. Ich bin gerne in L.A. aber mir wurde klar, dass ich eine Basis in Europa brauche um geerdet zu sein. Und irgendwann bin ich mit meiner Familie zu Weihnachten durch Irland gefahren und da wusste ich, dass ich meinen Platz gefunden hatte.
Was schätzen Sie so an Irland?
Als ich in den 1990er Jahren nach Irland kam, war es das freieste Land der westlichen Welt. Es gab nicht einmal den Ansatz irgendeinereiner Bürokratie. Es existierten überhaupt keine Formulare, die man hätte ausfüllen können, man konnte ohne Führerschein Autofahren und Künstler waren von der Steuer befreit. Ich hatte 10 Jahre lang keinen einzigen Polizisten gesehen, ich war mir gar nicht sicher, ob es soetwas hier überhaupt gibt. Das war mein Land. Ich komme nämlich sehr gut ohne Bevormundung, Überwachung und Kontrolle irgendwelcher Behörden zurecht. Die EU hat aber in den letzten Jahren dafür gesorgt, dass die Party hier vorbei ist und einige Banker haben das Land vor kurzem auch noch bankrott gemacht. Sonst ist es aber immer noch gemütlich hier.
Irland ist übrigens eines der wenigen Länder, in dem es keine rechte Szene gibt, keine Ausländer -und Fremdenfeindlichkeit, und keinen Rassismus.
Die andere Hälfte des Jahres leben Sie in Los Angeles. Ein ziemlicher Kontrast zum zurückgezogenen Landleben hier.
Los Angeles ist der absolute Gegensatz zu dieser kleinen, grünen Insel. Vor allem in downtown, wo ich lebe gibt es kaum einen Grashalm, die Luft ist völlig verpestet, die Häuser sind übersät mit Graffiti und es gibt niemals einen Augenblick der Stille, Tag und Nacht heulen irgendwelche Sirenen, der Lärm von Hubschraubern, Presslufthämmern und den endlosen Autoschlangen, die sich in der Ferne langsam über die Freeways wälzen vermischen sich zu einer niemals endenden infernalischen Symphonie.
Trotzdem liebe ich diesen Ort.
Inspiriert Sie das?
Ja, LA hat eine magische Qualität, die man nicht erklären kann. Es ist kein Zufall, dass die sogenannte "Traumfabrik" der Welt hier in Hollywood entstanden ist und dass Walt Disney hier sein phantastisches Imperium errichtet hat. Es gibt aber auch etwa 140 verschiedene etnische Gruppen, die hier nebeneinander leben, von Little Tokyo, mexikanischen und armenischen Viertel bis zu der Gegend wo die Chassidischen Juden leben, die so aussehen wie ihre Vorfahren aus Galizien, wenn sie in ihren Kaftanen und den riesigen Pelzrädern auf dem Kopf am Shabbat mit ihren Kindern unter der Californischen Sonne spazieren gehen. Hier in downtown gibt es ganze Strassenzüge, in denen sich unzählige Obdachlose wälzen, während man in den Vierteln der Reichen, die vielfältigen Wunder der plastischen Chirurgie bestaunen kann.
Gibt es etwas aus Ihrer alten Heimat, das Sie im Ausland vermissen?
Das Wienerisch. Es ist die beste Sprache der Welt. Leider habe ich kaum mehr Gelegenheit mich in meiner Muttersprache zu unterhalten. Als ich vor ein paar Jahren in der Los Angeles Opera mit mit Maximilian Schell am "Rosenkavalier" gearbeitet habe, traf ich auch Kurt Rydl, der den Och gesungen hat, und sich als wahrer Meister des ordinärsten Wiener Dialektes entpuppte. Er ist ein echter Ottakringer, ich komme aus Favoriten, wir hatten in dieser Zeit ein paar denkwürdige Jam-sessions in dieser Mundart in den Lokalen Downtowns, die von den Einheimischen Gottseidank nicht verstanden wurden.
Um auf Ihre Kunst zurück zu kommen: Fällt es Ihnen manchmal schwer sich von einem Bild zu trennen?
Ja, manchmal würde ich gerne das ein oder andere Bild behalten, aber es gelingt mir nicht. Dann muss ich eben neue machen.
Haben Sie je Bilder zurück gekauft?
Ja. Allerdings sehr viel teurer als ich sie verkauft habe. Joseph Beuys hat einmal gesagt: „Ich kann mir meine eigenen Bilder nicht mehr leisten.“ Heute verstehe ich was er damit gemeint hat.
Der Marktwerk Ihrer Bilder siedelt sich im sechsstelligen Bereich an. Wie wichtig ist Geld für Sie?
Geld hat mich noch nie besonders interessiert. Ich brauche ja nicht sehr viel, ein Schloss mit Atelier und einem Haufen Kinder darin und ich bin zufrieden.
Bekannte Persönlichkeiten wie Sean Penn oder Arnold Schwarzenegger verehren Ihre Kunst. Mit Marilyn Manson sind Sie eng befreundet. Was zeichnet Ihre Freundschaft aus?
Sie waren auch mit Marlene Dietrich befreundet. Bei welcher Gelegenheit haben Sie sie kennen gelernt?
In den 1980er Jahren habe ich auf Bitten von Maximilian Schell für das Plakat seines Filmes "Marlene" ein Portrait derselben gemalt. Als Marlene Dietrich das Bild gesehen hat, wandte sie sich an den Filmproduzenten und sagte, dass es das beste Portrait sei, was je von ihr gemacht worden sei und dass sie davon gefälligst ein paar Exemplare haben will (lacht). Und so bin ich mit ihr in Kontakt gekommen.
Wie war sie?
Sie war wunderbar. Sperrig, genial, frech und sentimental. Sie war sehr intelligent und bis zum Schluss ganz wach. Sie hat immer wieder angerufen und aus dem Blauen heraus irgendwelche Geschichten erzählt. Manchmal hat sie gesungen, dann wieder geweint. Sie hat auch alles kommentiert, was sie in den Zeitungen gelesen hat. Als Greta Garbo starb, rief sie an und sagte: „Haben Sie schon gehört? Die Garbo ist gestorben. Sie schreiben natürlich nicht woran, denn Urinvergiftung würde ja nicht zur ‚Göttlichen’ passen. Und wissen Sie, was die noch schreiben? Die Dietrich wird die nächste sein!“ Dann lachte sie schallend.
Haben Sie sie je gesehen?
Nein. Obwohl es möglich gewesen wäre, meine Frau und ich haben sie mehrmals in ihrer Pariser Wohnung besucht, aber ich wusste wie wichtig ihr es war nicht mehr gesehen zu werden. So haben wir uns durch die Türe unterhalten. Sie wollte als Kunstwerk in Erinnerung bleiben und nicht als alte Frau. Ich verstehe das.
Wie gehen Sie mit dem älter werden um?
Mir ist das egal. Ich bin ja keine Diva.
Aber Sie sehen zumindest aus wie ein Rockstar.
Besser als ein Finanzbeamter (lacht).
2007
2011
Helnwein at work
2011
at the studio
2010
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